R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. Donnerstag, den 27. 7. 2000



Das Kind von Buchenwald


Bild: Bruno Apitz und Jerzy Zweig in Buchenwald 1964

Stefan Jerzy Zweig nahm sich am Donnerstag nachmittag die Zeit, eine Veranstaltung bei uns zu machen. Wem er noch nicht bekannt ist: seine Geschichte in den ersten Lebensjahren war die Vorlage für das weltbekannte Buch von Bruno Apitz: "Nackt unter Wölfen". Ein kleines Kind kommt ins Lager und die politischen Häftlinge beschließen, es wie viele andere auch unter ihre Fittiche zu nehmen und ihm das Überleben zu ermöglichen.

Hier las Stefan Jerzy Zweig Ausschnitte aus einem Vortrag unter dem Titel "Ein Menschenleben". Er hielt ihn zuerst auf einer Tagung in der Psychatrischen Abteilung der Universität Wien, die zum Gedenken an die Kinder, die durch Euthanasie ermordet wurden. Die Tagung stand unter dem Motto "Die Wissenschaft gegen die Menschlichkeit". Er ging in bewegender Weise auf die Traumatisierung von ehemaligen KZ-Häftlingen und ihre unsensible Behandlung in der heutigen Zeit ein. Das Thema Konzentrationslager hat ihn sein Leben lang begleitet, weil er mit etwa 3000 ehemaligen Häftlingen Interviews geführt hat. In der nachfolgenden Diskussion beklagte er die Verwissenschaftlichung des Umgangs mit ehemaligen Häftlingen. Dazu zitierte er einen ehemaligen Häftling, der gemeint hatte, daß heutzutage Zeitzeugen, die in KZ gewesen waren, sich von Wissenschaftlern bestätigen lassen müssen, daß ihre Erlebnisse wahr sind.

In der nachfolgenden Diskussion übte er scharfe Kritik an dem Museum für die "Opfer des Stalinismus". Die Frage sei, warum ein Museum für Nazis gebaut worden sei und keins für die Juden, für die Sinti und Roma, die Homosexuellen... Es ist zu merken, daß in der Gedenkstätte kein einziger ehemaliger Häftling mehr mitarbeitet. Als ein Problem benannte er, daß die meisten ehemaligen Häftlinge kein Deutsch verstehen und damit keine Kritik an der aktuellen Gedenkstättenpolitik üben würden. Mit seinen klaren Worten sprach er uns aus der Seele. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, in Zukunft die Kritik die wir haben und die er hat, zusammenzuführen.