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Unsere Fahrt zur Gedenkstätte Mittelbau-Dora
Besuch beim EXPO-Projekt
Unser Parkplatz war in einer idyllische Landschaft in der Nähe von Nordhausen. Wir wußten
zwar, daß im hübschen Berg nebenan Stollen sind, in denen die deutsche Rüstungsindustrie
ohne jeden Skrupel Häftlinge regelrecht verheizt hat.
Zuerst sahen wir uns einen Film an, der einen grundlegenden Einblick in die Geschichte des
KZ Mittelbau-Dora bot. Interessant war vor allem, daß Heinz Galinski, bis zu seinem Tod
Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, als Zeitzeuge über seine Zeit dort
erzählte. Schon im Film bekamen wir eine Vorstellung von der Grausamkeit, die sich mit dem
Namen Mittelbau-Dora verbindet. Es wurde über die mörderische Hetze bei dem Ausbau der
Stollen berichtet, über die Bedingungen und die geringen Chancen für viele, den Schock des
eines plötzlichen Lebens unter Tage zu überleben. Am Ende kamen Ausschnitte aus einem Film,
den amerikanische Einheiten in einem Nebenlager von Dora-Mittelbau in Nordhausen gedreht
hatten, als sie dort mindestens 3000 Leichen vorfanden. Danach folgten wir in zwei Gruppen
der Führung. Sie führte zu einzelnen Stationen des ehemaligen KZs und gab einen Überblick
über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Häftlinge. Das Lager wurde erst aufgebaut, als
die Arbeiten in den Stollen abgeschlossen waren. Die Lebensbedingungen der Häftlinge
verbesserten sich damit schlagartig. Von August 1943 bis Juli 1944 mußten sie in den Stollen
schlafen und leben.
Im Nachhinein stellte sich heraus, daß die beiden Führungen sehr
unterschiedlicher Qualität waren. Die Mitarbeiterin der Gedenkstätte, die die eine Gruppe
führte, fiel durch ihre steife Art und einige eigenartige Formulierungen auf. Außerdem
blendete sie die Themen Solidarität und organisierter Widerstand der Häftlinge völlig aus.
Als positiv wurde bemerkt, daß das Lagerbordell ein normaler Bestandteil der Führungen ist
und nicht wie in Buchenwald schamhaft verschwiegen wird. In der Pause hatten wir die
Gelegenheit, noch einige Faltblätter an uns zu nehmen und entdeckten dabei, daß wir gerade
ein EXPO-Projekt besuchen! Die Gedenkstätte ist Registriertes Projekt der Weltausstellung
unter dem Motto "Modernität und Barbarei - Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora".
Das Motto stimmt auf jeden Fall, vor allem das mit der Barbarei, aber es ist ziemlich
zynisch, sich damit ausgerechnet auf der EXPO zu präsentieren.
Bevor ich zur Besichtigung der Stollen komme, will ich noch einiges genau zu diesem Motto
sagen. Das KZ wurde gegründet, als die Produktionsstätten der "V2" in Peenemünde
bombardiert wurden. Die leitenden Ingenieure und der Rüstungsminister Albert Speer hatten
die Idee, die Produktion unterirdisch fortzusetzen. Beim Ausbau der Stollen wurden
Häftlinge regelrecht verheizt. Wer bei Betonierungsarbeiten nicht mitkam, wurde einbetoniert.
Wer in der kalten feuchten Luft der Stollen krank wurde, kam auf Transport nach
Bergen-Belsen und Majdanek. Sieben Monate nachdem die erste Häftlinge auf dem Kohnstein
eintrafen, war das Krematorium fertiggestellt. Die Idee, Häftlinge beim Bau der
"Wunderwaffe" einzusetzen, stammte von den leitenden Ingenieuren. Vor allem aus
Geheimhaltungsgründen bevorzugten sie diese Variante. Das heißt, daß sie von vornherein
damit rechneten, daß keiner der an der Poduktion beteiligten überleben sollte. Einer der
bekanntesten Namen ist Wernher von Brauns, auf dessen Schicksal ich unter noch eingehen
werde.
Die theoretischen Ausführungen bereiteten uns nicht wirklich auf den Besuch der
Stollen vor. Erst als wir in der kalten feuchten Luft standen und sahen, wie riesig der
kleine Ausschnitt war, den wir besichtigen konnten, wurden uns die gigantischen Ausmaße des
Projektes klar.
Wir sahen die Schlafräume, in denen die Häftlinge zwischen der Knochenarbeit schlafen
konnten. Manche blieben vier Monate hintereinander unter der Erde. Wir sahen Reste von
Toiletten, die aber erst eingebaut wurden, als auch Zivilarbeiter dort anfingen zu arbeiten.
Zeitzeugen berichten, daß diese übrigens ebensoschnell mit dem Knüppel bei der Hand waren,
wie die SS, wenn sie der Meinung waren, daß nicht schnell genug gearbeitet wurde. Für die
Produktion der V2 mußten 20 000 Menschen sterben. Am 11. April wurde dieses Lager von
amerikanischen Einheiten befreit. Sofort begann der Kalte Krieg. Die ersten Bestrebungen
galten der Sicherung des Wissens und der Technologie der Raketenherstellung. Ein Archiv von
über 10 Tonnen Material dazu und Teile der Ausstattung wurden in die USA gebracht. Mit ihnen,
gegen die US-amerikanischen Gesetze, die die Einreise von Nazis verbieten, leitende
Ingenieure und Techniker, unter ihnen Wernher von Brauns. Er entwickelte in den USA die
Technologie weiter und verhalf ihr so zu einer ausgereiften Waffenausstattung mit Raketen.
Später wirkte er am Apollo-Mondprogramm der NASA mit. Einer seiner Kollegen, die er aus
Mittelbau-Dora mitgebracht hatte, bekam dafür sogar den höchsten NASA-Orden. Auch die Rote
Armee interessierte sich für die Technologie. Da ihnen nichts anders übrig gelassen war,
demontierten sie die komplette Fertigungsstraße und forschten damit weiter. Auch ohne die
Ingenieure schafften sie es, als erste einen bemannten Raumflug zu veranstalten.
Zur Gedenkstätte ist noch zu sagen, daß der Berg Kohnstein Anfang der neunziger Jahre von
der Treuhand an die bayrische Firma Wildgruber & Co. verkauft wurde, der dort weiter Gestein
abbaut. Nachdem in der DDR der Abbau so unsensibel betrieben wurde, daß Teile der Stollen
einstürzten, behindert jetzt der Eigentumsstatus des Berges eine Ausweitung der Führung
durch die Stollen, abgesehen vom Geldmangel natürlich. Die Geschichte hat hier ihre Grenze
in der Marktwirtschaft gefunden.
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